Samstag, 19. Mai 2012

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Ein fürchterliches Ächzen aus dem Getriebe

Berichte
Samstag, den 08. November 2008
(ein persönlicher Bericht von Ulrich Wagner, regelmäßiger Teilnehmer der Montagsdemo und Mitglied im Vorstand von AUF Witten)

Eine wahre Geschichte von der Fahrt zur Demo der bundesweiten Montagsdemobewegung gegen die Regierung in Berlin am 8.11.2008

altUnser Tag fing ganz gut an. Morgens um 2:30 Uhr versammelten sich die ersten Teilnehmer in Witten am Treffpunkt für den Bus. Wir fuhren weiter nach Bochum. Der Bus war bis auf zwei Sitzplätze voll.  Ich saß ganz hinten links in der Ecke – mein Stammplatz.
Auf der Autobahn bemerkte ich hin und wieder komische Geräusche aus dem Motorraum. Schließlich musste der Bus ein wenig abbremsen. Als er wieder beschleunigte und in den höchsten Gang schalten wollte, kam ein fürchterliches Ächzen aus dem Getriebe. Mehrmals versuchte der Busfahrer, in diesen Ganz zu schalten – ohne Erfolg. LKWs überholten uns. Wir mussten an einer Raststätte bei Lehrte anhalten. Bei dem Versuch, den Bus rückwärts einzuparken, ging auch dieser Gang nicht mehr. Ich ahnte Böses. Der Busfahrer gab durch, dass wir wohl einen Defekt hätten. Erste Diagnose: Das luftdruckgesteuerte Getriebe verliert beim Schalten Luft. Alle Hoffnung, den Schaden zu reparieren, wurden nach langem Telefonieren endgültig besiegelt. altEs gelang jedoch relativ schnell einen Ersatzbus zu besorgen, der uns weiter nach Berlin fuhr. Wir mussten ca. 3 Stunden, von 6:30 Uhr bis 9:30 Uhr warten. Trotz dieser langen Wartezeit war die Stimmung fröhlich und kämpferisch. Es war klar, pünktlich würden wir nicht mehr ankommen. Es waren noch gut 250 km zu fahren. Wir entschlossen uns aber, aus Solidarität weiter zu fahren, und wenn wir erst zur Abschlusskundgebung ankommen würden.
Endlich in Berlin gegen 12:30 Uhr angekommen, marschierten wir gemeinsam zum Pariser Platz. Er war noch leer. Freudig begrüßte uns die Moderatorin. Wir berieten kurz, dass wir der Demo entgegen laufen. Wir machten einen kleinen Demozug in entgegengesetzter Richtung. Die Menschen schauten uns an. Autofahrer hupten aus Solidarität, die Menschen strahlten, applaudierten, hoben den Daumen. Ein kleiner Demozug aus knapp 60 Menschen mit Kindern, Jugendlichen, Arbeitern, Rentnern, Frauen und Männern begeisterte die Menschen. altEs war ein herrliches Gefühl. Zwischendrin fuhr auf einmal ein Mannschaftswagen der Polizei vorbei. Er hielt an und einer sprang heraus und sprach einen Teilnehmer an der Spitze an. Auf einmal begrüßten sich die beiden freudig. Was muss in den Köpfen dieser Polizisten vorgehen, wenn sie unseren Protest sehen und begleiten? Wie viele von ihnen sind selbst nicht mehr mit den Verhältnissen einverstanden?
Freudig wurden wir dann von der Demo aufgenommen und marschierten nun gemeinsam zum Pariser Platz. Bei der Abschlusskundgebung wurde rege diskutiert. Mit Stolz können wir sagen, dass wir eine großartige Leistung vollbracht haben. Alles wieder mal selbst organisiert, selbst finanziert ganz nach unserem Prinzip: „Wir vertrauen auf unsere eigene Kraft!“
Und die Rückfahrt? Es war eine so gute Stimmung im Bus wie nie zuvor. Wir mussten in Lehrte umsteigen und erfuhren, dass sich das komplette Getriebe in unserem Bus zerlegt hatte. Aber der Chef unseres Reiseunternehmens setzte sich richtig klasse dafür ein, dass wir einen weiteren Ersatzbus für die restliche Rückfahrt bekamen und diese stand bereits da, als wir am Rastplatz ankamen. altDer Busfahrer für unseren Ersatzbus nach Berlin wusste zuvor noch nichts von seinem Einsatz. Er wollte eigentlich den Geburtstag eines Freundes feiern am heutigen Tag. Als uns das gesagt wurde, haben wir ihn besungen und uns damit bei ihm herzlichst für seinen Einsatz bedankt. Was wären wir nur ohne unsere Busfahrer!
Bedanken möchte ich mich auch noch bei allen weiteren Teilnehmern, besonders beim Jugendverband REBELL, der bei uns die Versorgung organisiert hatte und für jede Menge gute Stimmung sorgte durch eine Vielfalt an kulturellen Beiträgen – die Polonaise durch den Bus war schließlich der Höhepunkt des ganzen. Vielen Dank an alle für diese Demo!