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Kostbares Wasser

Kategorie: Umwelt Archiv
Veröffentlicht: Samstag, 25. August 2012
Geschrieben von AUF Witten, Redaktion
Frau Dr. rer. nat. Margot Franken ist Limnologin. Ihre umfangreichen Erfahrungen im Umgang mit wertvollem Trinkwasser sind von großer Bedeutung.
Frau Dr. rer. nat. Margot Franken ist Limnologin. Ihre umfangreichen Erfahrungen im Umgang mit wertvollem Trinkwasser sind von großer Bedeutung.

Interview mit Frau Dr. rer. nat. Margot Franken

Ein verantwortungsbewusster Umgang mit den begrenzten Naturschätzen unserer Erde gilt heute als eine der wichtigsten Aufgaben. Die Realität steht in krassem Widerspruch dazu. Der größte und älteste Lebensraum der Erde überhaupt, nämlich das Grundwasser, wird fast völlig ausgeblendet. Das sieht man alleine schon an den Äußerungen der verantwortlichen Politiker, egal welcher Ebene, es gäbe hier keinerlei größere Probleme. Doch es gibt sie. Und sie können gemäß einer Aussage Albert Einsteins nicht mit derselben Denkweise gelöst werden, mit der sie entstanden sind. Deshalb brauchen wir alternative Denkansätze und Überlegungen, und zwar nicht erst dann, wenn die Probleme unlösbar geworden sind. Wir befragten dazu die Limnologin Dr. Margot Franken

Frau Dr. Margot Franken:

Studium Zoologie, Botanik, Tropenökologie, Ozeanografie, Geologie, Limnologie an der Uni Kiel mit abschließender Dissertation zum Dr. rer. nat.

Erstes und zweites Staatsexamen Lehramt Sekundarstufe I in Biologie, Geografie und Pädagogik.

Studium und Abschluss als Umweltadministrator in Schweden und Bolivien

12 Jahre als Lehrerin an verschiedenen Schulen in Deutschland, 2 Jahre Postdoktoratsstipendium am Max Planck Institut Abt. Tropenökologie in Plön mit Forschungsaufenthalt in Brasilien.

14 Jahre Dozentin im Fachbereich Biologie der Staatlichen Universität von La Paz, Bolivien.

Sprachen: Deutsch, Spanisch, Englisch, Französisch, Portugie­sisch

Über 30 Veröffentlichungen über Limnologie, Bioindikation, ökologische Qualitätsbeurteilung von Fließgewässern, Umweltverschmutzung, Pflanzenkläranlagen, Dezentrale Wasserver- und entsorgung.

Beratertätigkeit zu den Themen:

  • Bau von Pflanzenkläranlagen

  • Klassifikation von Fließgewässern hinsichtlich ihrer Gewässerqualität

  • Einfluss von Wasserenergiegewinnungsanlagen auf die Gewässerqualität

  • Bioindikationsorganismen

  • Verschmutzung durch Schwermetalle in Gewässern

  • Entwurf eines Gründaches für das Kulturhaus von La Paz

Witten liegt Direkt beim wasserreichen Sauerland. Brauchen wir uns keine Gedanken über die Wasserversorgung zu machen?

Es geht nicht nur um die Menge des uns zur Verfügung stehenden Wassers, sondern vor allem auch um seine Qualität. Und das ist die Sorge der Limnologen nicht erst seit ein paar Jahren, also seitdem alle Welt vom Klimawandel spricht, sondern schon seit einigen Jahrzehnten.

Wasser ist unser wichtigstes Lebensmittel und muss deshalb auch beste Qualität haben. Deshalb sollten wir unsere Wasservorräte, seien es Oberflächengewässer oder Grundwasser vor Verschmutzung schützen. Es heißt immer, unser Trinkwasser sei von hoher Qualität und selbstverständlich strengstens überwacht. Aber auch diese strenge Überwachung kann nicht verhindern, dass heute verschiedenste schädliche Substanzen, unter anderen z.B. hormonähnliche Substanzen und sogar Arzneimittel aus den Ausscheidungen von Mensch und Tier in unserem Trinkwasser nachgewiesen werden können, zum Glück in der Regel (aber nicht immer) noch weit unterhalb der festgesetzten Grenzwerte.

Bei Starkregen quillt eine stinkende Brühe aus dem Grotenbach. Dieser mit Gullis verschlossene unterirdische Kanal führt Abwässer u.a. von Pelzer, Degussa/Sasol in die Emscher. Seit Jahren beanstanden Anwohner und <i>AUF Witten</i> diese Grundwasserverseuchung, ohne dass die Behörden einschreiten.
Bei Starkregen quillt eine stinkende Brühe aus dem Grotenbach. Dieser mit Gullis verschlossene unterirdische Kanal führt Abwässer u.a. von Pelzer, Degussa/Sasol in die Emscher. Seit Jahren beanstanden Anwohner und AUF Witten diese Grundwasserverseuchung, ohne dass die Behörden einschreiten.

Ihre hauptsächlichen beruflichen Erfahrungen machten Sie in Bolivien mit einer ganz anderen Umweltsituation als hier. Gibt es dennoch Erkenntnisse, die auch für uns wichtig sind?

Wasser ist Grundnahrungsmittel Nummer 1, das ist bei uns hier nicht anders als in Bolivien. In Bolivien findet man, wegen der intensiven Minentätigkeit, häufiger Schwermetalle in den Gewässern, außerdem vielfach hohe Verunreinigungen durch Fäkalien und dementsprechend viele Krankheitskeime im Wasser. Durchfall ist die häufigste Kinderkrankheit.

Dies gehört für unser Land natürlich zur Vergangenheit, während die sogenannten Mikrokontaminanten unser größtes Problem sind, denn wie schon der Name sagt, sind sie in kleinsten Mengen wirksam.

Voraussetzung für die nachhaltige Nutzung unserer natürlichen Ressourcen ist die Fähigkeit, die Folgen menschlichen Handelns abzuschätzen. Welche Gefahren sehen Sie da?

Um die Folgen unseres Handelns abzuschätzen, müssen wir lernen, vernetzt zu denken. Ein kleiner Eingriff in den Naturhaushalt hat meist weitreichende Folgen, die wir in ihrer Komplexität oft nicht absehen können.

So sind oft gerade Menschengruppen, die sehr naturnah leben, wie die Inuit, höher mit Schadstoffen belastet als wir, die wir in einem Industrieland leben. Und wer hat die Zerstörung der Ozonschicht mit allen ihren Folgen vorausgesehen, als die FCKW erfunden wurden?

Wir denken oft, für jedes neu geschaffene Problem gibt es auch eine technische Lösung. Und genau in dem Punkte halte ich es ebenfalls mit Einstein.

Die Pläne zur Gasgewinnung mittels Fracking sehen das Wasser und die Grundwasserspeicher quasi wie einen unbelebten Rohstoff an, den man nach Belieben nutzen, belasten und reinigen kann. Wie sehen Sie das, welche Folgen hat eine solche Denkweise?

Sauberes, klares Wasser - Foto: Angelina Ströbel pixelio
Sauberes, klares Wasser - Foto: Angelina Ströbel pixelio

Wir glauben zu oft, die Technik im Griff zu haben, bzw. wir wenden Technologien an im Vertrauen darauf, dass der SuperGau nicht eintreffen wird, da die statistische Eintrittswahrscheinlichkeit extrem gering ist, und wir sorgen deshalb auch nicht genügend vor für den Ernstfall.

Atomkraftwerke und Tiefseebohrungen nach Oel sind da nur zwei Beispiele von Technologien, deren Gefahrenpotential und Unbeherrschbarkeit unter außergewöhnlichen Bedingungen uns jüngst drastisch vor Augen geführt wurde. Wobei ich der Meinung bin, dass wir von Techniken, die nach menschlichem Ermessen letztlich nicht beherrschbar sind, die Finger lassen sollten.

Fracking ist eine solche Technologie, die bei Normalbetrieb durchaus beherrschbar erscheint, aber weit reichende Folgen für unsere Wasserversorgung hat, wenn doch einmal Chemikalien austreten sollten.

Das Grundwasser ist durch eine Verschmutzung mit den eingesetzten Chemikalien am meisten gefährdet. Insbesondere das Grundwasser ist eine unserer besten Trinkwasserreserven, da das Niederschlagswasser während der Bodenpassage auf dem Weg zum Grundwasserhorizont gereinigt wird.

Dazu muss man auch anmerken, dass das Grundwasser eine sehr geringe Erneuerungsrate hat. Ist eine Verunreinigung einmal ins Grundwasser hineingeraten, was auch durch anderweitig belastete Böden geschieht, dann bleiben diese Verunreinigungen lange Zeit bestehen. Man sagt auch, das Grundwasser ist eine der Senken für Schadstoffe, ebenso wie die Tiefenbereiche der Meere.

In Fließgewässern dagegen werden Verunreinigungen nicht nur verdünnt und abtransportiert, sondern auch aufgrund der hohen biologischen Aktivität dieser Gewässer abgebaut, was die so genannte Selbstreinigungskraft der Fließgewässer begründet.

Fracking aber gefährdet insbesondere die Böden und das Grundwasser.

Welche Ansätze für kommunales Handeln sehen Sie, welche Überlegungen gibt es für die überregionale Ebene?

Fracking ist die Verlängerung des fossilen Zeitalters. Wir müssen endlich dazu kommen, nachhaltige Energiequellen zu nutzen und deren Nutzung zu verbessern und auszubauen, auch von Seiten des Staates und der Kommunen stärker zu fördern. Doch die beste Energie ist die, die eingespart wird. Aber bitte nicht mit Energiesparlampen. Man kann den Teufel nicht mit Beelzebub austreiben.

Witten im AUFbruch 3/2012