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Staatsanwalt bei HP Pelzer Chemie in Witten

Kategorie: HP Pelzer Chemie Archiv
Veröffentlicht: Samstag, 5. August 2006
Geschrieben von AUF Witten
Peter Spyrka beim Sommerfest von AUF Witten am 02.07.06
Peter Spyrka beim Sommerfest von AUF Witten am 02.07.06

Peter Spyrka ist einer von vielen Beschäftigten der Firma HP Pelzer Chemie, die wegen Vergiftung am Arbeitplatz schwere gesundheitliche Schäden davon getragen haben. Schon 28 ungewöhnliche Todesfälle ehemaliger Pelzerarbeiter sind bekannt. AUF Witten befragte Herrn Spyrka zu einem Bericht über Pelzer im Magazin Focus. Das Interview führte Romeo Frey vom Vorstand von AUF Witten.

? Was wird HP Pelzer vorgeworfen?

Firmenchef Helmut Pelzer soll Einkäufer von VW persönlich bestochen haben. Allerdings hat der Staatsanwalt die im Juli aufgenommenen Ermittlungen wieder eingestellt, weil die Straftat bereits verjährt ist.

? Was sagen Sie dazu?

Unsere Gesundheitsschäden verjähren nicht, wir müssen mit unseren Krankheiten leben. Ich bekomme kaum Luft wegen eines durch Cyanid erlittenen toxischen Lungenödems, habe ständig Hustenreiz, kann schlecht schlafen, ein Auge ist geschädigt, mein Nervensystem ist angegriffen. Wir mussten ungeschützt mit den ganzen Giften arbeiten. Herr Pelzer aber darf, statt Umweltschutz zu bezahlen, ungestraft Schmiergelder aus der Kasse nehmen - das ist ein Skandal!

? Wie lange geht das denn schon so bei Pelzer?

Schon Jahrzehnte. Schon 1995 stand im "Vor Ort" - Zeitung der IG Chemie-Papier-Keramik:
"...sind die Krankenstände relativ hoch, was IG Chemie und Betriebsrat auf etliche Mängel im Arbeits- und Gesundheitsschutz des Unternehmens zurückführen. Vor allem treten außerordentlich viele Atemwegserkrankungen auf. Darum hat die IG Chemie beim staatlichen Amt für Arbeitsschutz in Dortmund eine Überprüfung der Firma beantragt, die im Herbst des vergangenen Jahres stattgefunden hat. Das hat das Amt in seinem Schreiben an die IG Chemie bestätigt, geschehen ist jedoch nichts."

Das war 1995 - geschehen ist bis heute nichts - alle zuständigen staatlichen Stellen und die Berufsgenossenschaft sind informiert, aber nichts passiert!

? Haben Sie sich denn nicht um ihr Recht bemüht?

Überall bin ich gegen Wände gelaufen, schon bei Gewerkschaft und Betriebsrat. Trotz des obigen Artikels wurde ich von der Gewerkschaft nicht vertreten, als ich mich vor Gericht gewehrt habe. Dann der zweite Hammer: mein Anwalt versäumt Einspruchfristen, sodass meine Klagen aus formalen Gründen abgewiesen werden. Doch ich kann ich ihn nicht belangen, weil er seine Lizenz als Anwalt plötzlich zurückgegeben hat, genau in dem Moment wo es für ihn kritisch wird. Den Staatsanwalt interessiert das nicht! Keine weiteren Ermittlungen! Genauso geht es mir jetzt mit meinen Rentenansprüchen - alles abgelehnt, Gutachter sagen mir frech ins Gesicht, ich würde nur die Rentenkasse ausnutzen - nachgewiesene und attestierte Krankheiten habe ich plötzlich nicht mehr, obwohl es mir zunehmend dreckiger geht. Jetzt bekomme ich weder Rente, noch Hartz IV, noch Sozialgeld - alle sind nicht zuständig und lehnen die Verantwortung ab.

? Wie erklären Sie sich diese Zustände?

In diesem System steht nicht der Mensch im Mittelpunkt, sondern der Profit. Genauso verhalten sich alle Gutachter, Gerichte und die Berufsgenossenschaft. Selbst von der eigenen Vertretung in der Gewerkschaft und im Betrieb wurde ich verkauft. Nach dem Focusbericht kann ich mir vorstellen, dass nicht nur einmal Bestechungsgelder geflossen sind. Ich bin nicht der einzige, der von Vergiftung betroffen ist. Pelzerprodukte dünsten nach Einbau in Autos noch Formaldehyd aus. Das trifft Millionen von Autokäufern! Auch Witten und Umgebung ist betroffen, im von einer Halldecke abgekratzten Material wurde Cyanid und Dioxin gefunden - das bleibt nicht im Werk, das wird freigesetzt!

Vielen Dank für das Interview.