Dienstag, 22. Mai 2012

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Energiegewinnung aus Kohle keine Alternative

saubere Alternativen
Samstag, den 01. November 2008

René Schlüter - Mitglied im Vorstand von AUF WittenEin Kommentar von René Schlüter, Mitglied im Vorstand von AUF Witten

Im Rahmen der auch gerade in Witten geführten Diskussion um die Beteiligung der Stadt Witten am geplanten TRIANEL-Kohlekraftwerk in Lünen erscheint hier nun – erneut exklusiv in Witten im AUFbruch – der auch schon in der vorherigen Ausgabe angekündigte kritische Kommentar zur Energiegewinnung aus Kohle. Gerade in unserer Zeit von beginnendem Klimaschutz, bei gleichzeitig sich weiter verkürzenden AKW-Restlaufzeiten und stark wirtschaftlichen Interessen der Energiehersteller bzw. -versorger, scheint es aufgrund von offensichtlich recht gegensätzlichen Ansprüchen an die Energieversorgung angebracht, den derzeitigen Bauboom bei Kohlekraftwerken (27 neue Anlagen in Planungs-, Genehmigungs- bzw. Bauphase) sehr kritisch zu hinterfragen. 

Stromversorgung nicht ausreichend?

Als Argumentationsgrundlage für den Bau dieser neuen Kohlekraftwerke wird, auch gerade mit Bezug auf auslaufende AKW-Laufzeiten, gerne die Gefahr einer Stromunterversorgung zu Spitzenzeiten benutzt.
Diese Argumentationsbasis führt sich jedoch selbst ad absurdum, wenn man einen kurzen Blick auf den europäischen Strommarkt der letzten Jahre legt. So war Deutschland im Jahre 2005 eines von nur sieben EU-Ländern, das mehr Strom exportierte als es importierte. Das heißt es war ein Stromüberschuss vorhanden.
Des weiteren ist es so, dass der innerhalb Europas gehandelte Strom immer zuerst in Länder mit hohen Strompreisen (hier liegen wir im Europa-Vergleich beim vierthöchsten Preis) gehen wird.
Komplett ins Reich der Märchen gerät diese Argumentation aber, wenn man dann auch noch liest, dass unser Land die höchste aktuelle Stromflusssicherheit in der gesamten europäischen Union hat: ganze fünfzehn Minuten pro Jahr sind unsere Haushalte aktuell durchschnittlich ohne Strom.
Beim Blick auf die für den Bau großer Mengen an neuer Kohlekraftwerkskapazität vorgetragenen Argumente wird also schnell deutlich, dass der Kohlekraftwerksbauboom mehr durch wirtschaftliche Interessen der so genannten Energieversorger als durch die Gefahr einer Stromversorgungslücke im Land von hohem Strompreis, großer Stromflusssicherheit und aktuell möglichem Stromexportüberschuss bedingt ist. Nach der Abhandlung der für den Bau einer größeren Menge neuer Kohlekraftwerke benutzten Argumente scheint es nun an der Zeit, durchaus auch auf die Argumente einzugehen, die gegen den Bau neuer Kohlekraftwerke sprechen.

Umweltbilanz negativ

Als erstes seien hier die Abbaubedingungen in den Ländern genannt, aus denen ein Großteil der in der BRD verstromten Stein-Kohle stammt. Und andererseits auch die stark umweltverändernden Abbaumethoden des deutschen Braunkohletagebaus – siehe z.B. am Niederrhein oder in Sachsen.
So wird Stein-Kohle aus z.B. China, Ukraine oder Lateinamerika bei uns häufig Blutkohle genannt. Beim Blick auf den Umgang mit Arbeitskräften kann man sich sicherlich vorstellen, dass in den genannten Ländern auch der Umweltschutz und Sicherheitsstandards nicht eben zu den wichtigen Themen beim Kohlefördern zählen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch, dass die meisten neuen Kraftwerksbetreiberverträge die ausschließliche Verwendung dieser schmutzigen blutigen Importkohle vorsehen, im Gegensatz zur früher oft getätigten Praxis einer festgelegten Verstromung der einheimischen subventionierten Steinkohle.
Ein weiterer in diesem Zusammenhang sehr wichtiger Argumentationsstrang ist natürlich die Relation zwischen dem Bau neuer Kohlekraftwerke und den Klimaschutzzielen von Bund und EU, ein offener Gegensatz!

Spitze bei CO2

So hat das bekannt werden der massiven deutschen Kohlekraftwerksneubaupläne (siehe oben) auch sofort einen sehr kritischen Kommentar des EU–Umweltkom­missars hervorgerufen, da die geplanten Kraftwerke den jährlichen deutschen CO2-Ausstoß auf ca. 140 Millionen Tonnen bringen würden, was in keinem Fall den von der EU beschlossenem Ziel einer CO2-Ausstoßreduktion bis 2020 entsprechen würde.
Interessanterweise würde dieser Kohlendioxidausstoß auch den deutschen Klimaschutzzielen widersprechen, was man aber in einem anderen Licht sieht, wenn man weiß, dass der persönliche Klimaberater unserer Bundeskanzlerin Herr Lars-Göran Josefsson ironischerweise Chef des Energieversorgers und Kohlekraftwerkneubauers Vattenfall ist. Vattenfall und die anderen deutschen Energieriesen RWE, EON und EnBW sind übrigens zuletzt auch negativ in einer Studie des WWF aufgefallen, da sage und schreibe zehn von diesen Unternehmen betriebene Kraftwerke in der Liste der dreißig schmutzigsten Kraftwerke (CO2-Ausstoß pro Kilowattstunde produziertem Strom) der EU auftauchen. Von diesen zehn Kraftwerken erreichten sogar fünf eine Platzierung in den nicht eben ruhmreichen Top Ten dieser Studie.
Da aber nun diesen Unternehmen mittlerweile klar ist, dass ein hoher CO2-Ausstoß in Zukunft zu hohen Kosten für Verschmutzungszertifikate führen wird, startete jetzt ein Modellversuch des so genannten CO2-Sinkverfahrens. Bei diesem Verfahren soll der Ausstoß von Kohlendioxid in die Atmosphäre durch eine Filterung im Kraftwerk und eine Verpressung des verflüssigten CO2 in tiefe, sichere Gesteinsschichten vermieden werden.
Probleme dieses erst im Modellversuch getesteten Verfahrens sind jedoch die Sicherheit der Verpressung, das heißt die Stabilität des Gesteins nach der CO2-Verpressung (siehe auch ASSE 2), die frühestens in zwanzig Jahren mögliche großflächige Nutzung des Verfahrens und die durch dieses Verfahren entstehenden Kosten, die bei wirklicher Nutzung in etwa die Kosten für Strom aus erneuerbaren Energien erreichen würden.
Bevor wir zum Resumée dieses Kommentars kommen sei auch noch kurz darauf hingewiesen, dass Kohle als Rohstoff natürlich auch nicht endlos vorhanden sein wird.

Resumée

Kohle zerstört das Klima - Transparent von GreenpeaceAls Resumeé unseres kritischen Blickes auf die Energiegewinnung aus Kohle kann man also sagen, dass der geplante Neubau dieser großen Masse an Kraftwerken nicht nur mit sehr fadenscheinigen Argumenten (Stromversorgungslücke siehe oben) begründet wird, sondern auch mit Blick auf die Zukunft unseres Landes sehr unzeitgemäß und fast schon gemeingefährlich ist. Als Nachsatz an die Unternehmen sei noch darauf hingewiesen, dass ein sofortiger Investitionsstop in Kohlekraftwerke und weit hergeholte Ideen wie das CO2-Sinkverfahren bei gleichzeitiger Umleitung dieser Gelder zur Verbesserung der erneuerbaren Energiegewinnungsverfahren oder auch zum Anschluss von z.B. bestehenden Windkraftanlagen an das deutsche Versorgungsnetz, nicht nur die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder sichert, sondern sogar die Gewinnziele dieser Unternehmen. Wobei natürlich aus Erfahrung zu bedenken ist, dass die wenigsten dieser zum großen Teil börsennotierten Unternehmen überhaupt langfristig denken.