Dienstag, 22. Mai 2012

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saubere Alternativen
Samstag, den 27. August 2011

Interview mit Achim Czylwick – Mitglied im Rat der Stadt Witten

Seit Fukushima gibt es eine Zweidrittel-Mehrheit für Ökostrom. Reflexartig behaupten Vertreter der Energieindustrie aber, das wäre zu teuer, undurchführbar und Verbrauchsspitzen könnten so überhaupt nicht abgedeckt werden. Die Stadtwerke wollen lieber noch mehr Kohle und Gas verfeuern und mit dem so erhöhten CO2 Ausstoß trotz besseren Wissens das Weltklima rücksichtslos anheizen. Als gäbe es (mal wieder) dazu keine Alternative. Doch wir wissen längst, dass die Lobby-Interessen nie Alternativen zulassen. Dennoch gibt es diese. Wir sprachen darüber mit dem Ratsmitglied für AUF Witten, Achim Czylwick.

? Die Stadtwerke bieten Strom aus Wasserkraft an, ist das kein Ökostrom?

Achim Czylwick (AC): Wasserkraft ist eigentlich eine regenerative Energie. Doch von Ökostrom kann man nur sprechen, wenn damit auch neue Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie finanziert werden, wenn also die alten Kohle-, Gas- und Atomanlagen verdrängt werden. Das Gegenteil machen die Stadtwerke. Mit dem ein Euro teureren Strom aus österreichischer Wasserkraft finanzieren sie sogar den Bau neuer Kohle- und Gas-Kraftwerke.

? Würde Ökostrom nicht erheblich teurer?

AC: Ganz im Gegenteil! Die heutigen Strompreise sind Monopolpreise und haben mit realen Kosten nichts zu tun. Im Jahr 2004 kosteten 4.000 Kilowattstunden durchschnittlich 708 Euro, heute sind dafür 982 Euro zu zahlen.

40 Prozent sind Steuern, um unter anderem Atomtransporte und Atomzwischenlager zu finanzieren. 20 Prozent sind für den Aufbau und den Erhalt der Stromnetze gedacht. Doch das Geld kommt hier wohl nicht an, so veraltet und wenig gewartet wie das Stromnetz aussieht. Dann bleiben noch weitere 40 Prozent. Was hier eingerechnet ist, wird nicht offen gelegt. Die Stadtwerke verweigern mir jede Einsicht, obgleich es ein kommunales Unternehmen ist.

? Was muss man sich unter regenerativer Energieversorgung vorstellen?

AC: Da gibt es ein breites Spektrum, wie Strom und Wärme aus der vorhandenen Energie wie Sonne, Wasser und Wind gewonnen werden kann. Oder eben durch Biomasseanlagen. Die vorhandenen Energiemengen sind so groß, dass wir weder Atomstrom brauchen, noch Kohle oder Gas verbrennen müssen.

? Wie kann die Versorgung gesichert werden?

AC: Die regenerative Energie hat bisher nur einen Anteil von ca. 17 Prozent. Davon kommen 71,2 Prozent aus Anlagen der Biomassenverwertung, 13,3 Prozent steuert die Windenergie zu, 8,3 Prozent Solar- und Erdwärme und 7,2 Prozent kommen aus Wasserkraft.

Am Beispiel eines einzelnen dafür optimal konzipierten Hauses wird das Potential allein der Solarenergie deutlich. Mit einer Photovoltaikanlage können pro Jahr rund 10.000 Kilowattstunden produziert werden.

Selbst bei einem sehr hohen Verbrauch von ca. 7.900 Kilowattstunden, z.B. mit Fußbodenheizung und Sechs-Personen-Haushalt, bleibt ein Überschuss von 2.100 Kilowattstunden, der für die Grundlast ins Netz gehen könnte.

Würden alle Hausdächer in Deutschland optimal für diese Energieerzeugung genutzt, könnte schon allein dadurch mehr als die Grundversorgung gesichert werden. Nachts und für die Verbrauchsspitzen würden Biogasanlagen und Pumpspeicherwerke eingesetzt werden können.

? Zur Energiewende gehört auch das Stromsparen, oder nicht?

AC: Das ist ein wichtiger Punkt. 50 Prozent der Stromkosten im Haushalt werden von Geräten wie Waschmaschine und Kühlschrank verursacht. 11 Prozent der Energie verpuffen im häuslichen Kamin. In der Industrie sind die Wirkungsgrade oft noch geringer. Funktionen wie „Standby“ bei Elektrogeräten fressen die gesamte Jahresstromproduktion mindestens eines Atomkraftwerks.

Am Stromsparen aber haben die Energiekonzerne kein Interesse, sie wollen Umsatz machen und sabotieren alles, was wirklich effektiv in Richtung Energiesparen geht. Daher werden Gesetze verhindert, die klare Vorgaben zum Verbrauch und Nutzungsgrad machen würden.

? Was ist zu tun?

AC: Mit dem Wechsel zu einem reinen Ökostromanbieter kann individuell der Protest gegen die Energiepolitik der Stadtwerke ausgedrückt werden. Will man jedoch eine Wende in der Energiepolitik, kurz gesagt, soll die Umwelt vor der Profitgier gerettet werden, muss es einen aktiven Widerstand geben. Das Ziel einer weltweiten Abschaltung aller Atomkraftwerke kann nur durch eine weltumspannende Umweltbewegung erreicht werden, die allerdings in jeder Stadt aktive Menschen braucht.

Die Stadtwerke können durch eine politische Bewegung gezwungen werden, eine Energiewende einzuleiten. Im ersten Schritt muss der Ökostrom zum billigsten Tarif werden, Investitionen sind nur noch auf erneuerbare Energie auszurichten. Bisher ist der Aufsichtsrat unter Vorsitz der Bürgermeisterin und mit Vertretern der Fraktionen aus dem Rat eher in der gegensätzlichen Richtung tätig geworden.

Die Stadtwerke waren bisher willfähriger Vermarkter von Atom- und Kohlestrom. Zur Rechtfertigung wurde vom Strommix gesprochen, doch der teuer verkaufte „Ökostrom“ diente der Finanzierung von Dreckschleudern. Damit muss Schluss sein.

Überparteiliche Zusammenschlüsse wie AUF Witten sind am besten geeignet, solche Veränderungen voranzubringen.