Dienstag, 22. Mai 2012

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2. Internationaler Umweltratschlag

saubere Alternativen
Samstag, den 05. November 2011

Bericht von Dirk Adamczak – AUF Witten

580 Teilnehmer kamen am 8. und 9. Oktober zum 2. Internationalen Umweltratschlag nach Gelsenkirchen, darunter auch Gäste aus Brasilien, Chile, Japan, den Niederlanden, Peru, der Schweiz, Südafrika, der Türkei, der Ukraine und den USA. Diskussionen und ein Erfahrungsaustausch in 10 Foren und 14 Workshops machten deutlich, dass es allerhöchste Zeit wird, die Entwicklung zu einer globalen Umweltkatastrophe zu stoppen.

Ernste Lage

Der Umweltratschlag hat zu einem Zeitpunkt stattgefunden, in der die Entwicklung zu einer globalen Umweltkatastrophe bereits weit fortgeschritten ist. Gab es schon vor mehr als 10 Jahren erste Anzeichen eines Umschlagens einer weltweiten Umweltkrise in eine globale Umweltkatastrophe, sind Konzerne und Unternehmen heute nicht mehr in der Lage, zu produzieren, ohne dass dies mit einer Umweltzerstörung und somit auch mit einer Vernichtung der Lebensgrundlagen der Menschen (und aller Lebewesen) einhergeht.

HP Pelzer Chemie kein Einzelfall

Das wurde in dem Forum „Industrielle Schadstoffbelastung - eine Herausforderung für die Arbeiterbewegung und Umweltbewegung“ mehr als deutlich. Als Beispiele standen dabei die Gießerei Mettingen und das Recycling-Unternehmen ENVIO im Dortmunder Hafen im Mittelpunkt.

Die Gießerei Mettingen ist ein Gießereibetrieb der Firma Daimler, die Fabrik befindet sich mitten in einem Wohngebiet. In verschiedenen Bereichen der Gießerei wird Formaldehyd verwendet, dennoch werden die Grenzwerte der „Technischen Anleitung Luft“ nicht eingehalten. Kontrollen mit Messungen finden alle 3 Jahre statt - mit Vorankündigung der Behörden.

Erst durch eine Protestbewegung der Anwohner gegen die Geruchsbelästigungen wurde das Ausmaß des Umweltskandals deutlich. Und es wurde klar, besonders betroffen sind nicht die Menschen in der Umgebung, sondern die Arbeiter im Betrieb. Es kam zu einem engen Zusammenschluss von Anwohnern und Betriebskollegen.

Die Firma ENVIO ist ein Recyclingbetrieb, der im Dortmunder Hafen angesiedelt ist. Ein Beschäftigter, der zwei Jahre lang bei ENVIO gearbeitet hatte, berichtete von seinen Erfahrungen:

Der Umweltskandal bei ENVIO begann bereits 2004, doch erst 5 Jahre später ist an das Tageslicht gekommen, was sich in dem Betrieb tatsächlich abspielte. Nur wenige Wochen, nachdem in dem Betrieb die Arbeit aufgenommen wurde, hat sich ENVIO massiv über zahlreiche Auflagen hinweggesetzt, Umweltbestimmungen wurden ganz bewusst nicht eingehalten.

Doch ENVIO wurde in Dortmund zu einem „Vorzeigeunternehmen“, entsprechend selten wurden Kontrollen in dem Betrieb durchgeführt. Statt auf die Einhaltung höchster Anforderungen an Technik und Umweltschutz zu achten, wurden die Überwachungen nach vorheriger Ankündigung vorgenommen, die ENVIO die Gelegenheit gaben, Voraussetzungen zu schaffen, so dass keine überhöhten Grenzwerte gemessen werden konnten.

Die Kontrollen wurden innerhalb der Pausen durchgeführt oder wenn die Arbeiter nicht anwesend waren, um zu verhindern, dass Fakten über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen ans Licht kamen. So hatten die Überprüfungen lediglich eine „Alibifunktion“, um die Bevölkerung ruhig zu halten. Die Arbeiter bei ENVIO mussten Transformatoren mit PER von PCB reinigen und waren ohne jeglichen Schutz den giftigen Chemikalien ausgesetzt.

Doch nicht nur die Vergiftung der Beschäftigten, auch die Belastung der Dortmunder Nordstadt durch PCB wurde von ENVIO ganz bewusst und billigend in Kauf genommen.

Inzwischen musste das Unternehmen Insolvenz anmelden und wurde im Mai 2010 geschlossen. Aber auch heute sind in der Nordstadt die zulässigen Grenzwerte um das 80fache überschritten. Dennoch wird im Umweltausschuss der Stadt Dortmund ENVIO derzeit als ein „nicht wichtiges Unternehmen“ eingestuft. Die städtischen Umweltbehörden erhalten keinerlei Informationen über den Betrieb, selbst der Staatsanwaltschaft liegen noch nicht alle Akten vor.

HP Pelzer Chemie in Witten, die Gießerei Mettingen, ENVIO in Dortmund, die MAN-Gießerei in Augsburg, Bayer oder Kennametall Widea in Essen, wo sich im letzen Monat wieder ein Todesfall ereignete, sind keine Einzelfälle. Sie stehen für zahlreiche Unternehmen, in denen auf menschenverachtende Weise die Gesundheit und das Leben der Arbeitskollegen billigend aufs Spiel gesetzt werden, um Maximalprofite zu erreichen und gegenüber der Konkurrenz bestehen zu können.

Fracking

Auf großes Interesse stieß der Workshop über Gasbohrungen, das Hydraulic Frackturing oder Fracking von Werner Engelhard vom Kommunalwahlbündnis Berg AUF aus Bergkamen.

Fracking ist eine verbrecherische Zerstörung für Mensch und Natur, bei der versucht wird, in einer Tiefe von bis zu 4.000 m Gestein zu sprengen, so dass das in Schiefer, aber auch in Kohle gebundene Gas profitabel verwertet werden kann. Beteiligt sind daran Energiekonzerne wie BASF, Exxon Mobil, Shell und Evonik. In Nordrhein-Westfalen ist es die Wintershall AG, ein Tochterunternehmen der BASF, die Gasbohrungen durchführen will.

Fracking bedeutet eine Vergiftung des Oberflächen- und Grundwassers durch die Chemikalien, die bei den Gasbohrungen verwendet werden. Mit Fracking ist eine unvorstellbare Zerstörung der Umwelt verbunden. In den USA gibt es jetzt schon riesige Areale, auf denen hunderte Bohrtürme errichtet worden sind, um die Erdgasvorkommen auszubeuten.

Völlig zu Recht gibt es in NRW bereits zahlreiche Bürgerinitiativen, die sich gegen die Erdgasbohrungen zur Wehr setzen. Doch sind die verschiedenen Initiativen immer noch weitgehend isoliert, es fehlt eine Zusammenarbeit, um gemeinsam gegen das Fracking vorzugehen.

Einstimmig beschloss der Umweltratschlag eine Resolution „Stopp Fracking“.

Der Vortrag von W. Engelhard ist nachzulesen unter www.bergauf-bergkamen.de

Koordination nötig

Die Umweltbewegung hat ein großes Potenzial, sie ist die größte Bewegung des Volkswiderstandes. Sie ist aber zersplittert und hat keine koordinierende Struktur, es gibt zu viele unterschiedliche politische und weltanschauliche Ansichten, die eine Zusammenarbeit derzeit fast unmöglich machen. Solche Differenzen stehen zu sehr im Vordergrund, das gemeinsame Ziel wird dabei aus den Augen verloren.

Inhalte können nur schwer definiert werden. Deshalb ist ein Zusammenschluss aller in der Umweltbewegung tätiger Organisationen notwendiger denn je. Und auch eine Vernetzung reicht heute nicht mehr aus, es müssen einheitliche Organisationsformen geschaffen werden. Ein Redner des Umweltratschlages brachte das in einem eindringlichen Appell zum Ausdruck:

„Ich habe etwas gegen Vernetzung. Dieses Wort ist einfach verharmlosend, dieses Wort ist beliebig, es ist willkürlich. Wir brauchen doch nicht Vernetzung. Wir brauchen Koordinierung, wir brauchen verbindliche Zusammenarbeit und nicht unverbindliche Vernetzung. Das haben wir doch die ganze Zeit. Wir brauchen Koordinierung und auch Organisationen, auf die man sich verlassen kann.“

Jeder muss sich die Frage stellen, wie denn der Aufbau einer internationalen Widerstandsfront gegen die Umweltzerstörung gelingen soll, wenn schon auf lokaler und regionaler Ebene keine Zusammenarbeit zustande kommt.

Lebhaft diskutiert wurde auf dem Umweltratschlag auch über die Notwendigkeit einer Umweltgewerkschaft. Im Mittelpunkt steht dabei die Einheit von Arbeiterbewegung und Umweltbewegung. Die Arbeiter und Werktätigen müssen zu einem wesentlichen Bestandteil der Umweltbewegung werden.

Gute Grundlage geschaffen

Der 2. Internationale Umweltratschlag hat die Grundlagen geschaffen, auf eine Koordinierung in der Umweltbewegung hinzuarbeiten, um die Entwicklung einer globalen Umweltkatastrophe aufhalten zu können.

Der Umweltratschlag ruft auf zu einer Strategiediskussion in der internationalen Umweltbewegung.

Im Abschlussplenum wurde eine neue Koordinierungsgruppe gewählt mit elf Mitgliedern aus fünf Ländern und drei Kontinenten. Sie hat die Aufgabe, den 3. Umweltpolitischen Ratschlag im Jahr 2013 vorzubereiten.

Das nächste konkrete Ereignis, an dem sich auch AUF Witten nach Kräften beteiligen wird, sind die Aktionen zum Weltklimatag am Samstag, den 3. Dezember 2011.

Informieren Sie sich bei

www.total-recycling.org

Für eine Wende zu 100% erneuerbarer Energie und umfassender Kreislaufwirtschaft!