Stadtentwicklung – Ein Blick auf die Zukunft Wittens (2)

Soll der Bürger überhaupt die Stadt mitgestalten? Die Frage stellt sich René Schlüter.
Soll der Bürger überhaupt die Stadt mitgestalten? Die Frage stellt sich René Schlüter.

Von René Schlüter – Sprecher im Vorstand von AUF Witten

Nachdem wir zum Schluss des vorhergehenden Artikels zu diesem Thema einen weiterhin großen Diskussions- und Kommunikationsbedarf zum Stadtentwicklungskonzept Witten 2020 konstatierten, möchten wir im Rahmen einer Zusammenfassung des von unserer Stadt zu diesem Thema veröffentlichten Materials mit den dort dargestellten Ansätzen zur Einbindung der Bürger in eine sogenannte Leitbilddiskussion beginnen.

Internetbefragung einer Minderheit

Im Jahr 2006 wurde zunächst eine Online-Befragung, an der sich 781 Personen beteiligten (0,8 % der Bevölkerung ab 16 Jahren) durchgeführt.

Mit Hilfe eines Schulbenotungssystems sollte ermittelt werden, wie die Wittener Bürger ihre Stadt empfinden, wo sie ihre Stärken und Schwächen sehen und wohin es mit Witten in Zukunft gehen solle (ein Eingehen auf die genauen Ergebnisse entfällt an dieser Stelle aus ersichtlichen Gründen).

Im weiteren Verlauf des Projektes wurden nach einer Auftaktveranstaltung Vorträge, Workshops und z. T. Podiumsdiskussionen zu den Themen

  • Dialog der Generationen,
  • Kultur,
  • Wohnen,
  • Räumliches Leitbild,
  • Mehrwert durch Grün,
  • Innovativer Wirtschaftsstandort,
  • Stadt der Kultur,
  • Intelligent schrumpfen,
  • Zukunft der Pflege,
  • Sport und Bewegung,
  • Dialog der Kulturen und lebenslange Perspektive

durchgeführt.

Aus der Auswertung dieser Versuche, den Bürger in das Stadtentwicklungskonzept: ‘Unser Witten 2020’ einzubeziehen, wurde ein sogenanntes Leitbild der Stadtentwicklung entwickelt.

An dieser Stelle scheint es uns mehr als passend, mit dem uns schon mehrfach begegneten Begriff Leitbild unsere Zusammenfassung des Stadtentwicklungskonzepts für heute zu verlassen und uns mehr mit unseren kritischen Gedanken zum Thema zu beschäftigen.

Leitbild der Stadtentwicklung

Der Sackträgerbrunnen gehört auf einen bürgerfreundlich gestalteten, auch für Kinder und Jugendliche attraktiven Kormarkt – solch eine Stadtentwicklung stünde für ein unverwechselbares und lebenswertes Witten
Der Sackträgerbrunnen gehört auf einen bürgerfreundlich gestalteten, auch für Kinder und Jugendliche attraktiven Kormarkt – solch eine Stadtentwicklung stünde für ein unverwechselbares und lebenswertes Witten

Jede bewusste Entwicklung benötigt ein Ziel, eine Idee oder eben auch ein Leitbild, so auch die Stadtentwicklung. Die Formulierung eines solchen ist somit erstmal nicht verkehrt. Auch der Versuch, die Bürger einzubeziehen, ist natürlich an sich nur zu begrüßen, da demokratisch und außerdem zwingend. Zwingend weil das, was hier entwickelt werden soll, nämlich unsere Stadt Witten und ihr Charakter, vor allem aus uns Bürgern entsteht und nicht aus unseren Bauten, Straßen, Arbeitsplätzen, Kultur, Sport, Naherholung, Einkaufsmöglichkeiten etc…

Ein jedes Stadtentwicklungskonzept kann des Weiteren nur funktionieren, wenn es von einer größeren Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen wird.

Mit Sicht auf die, zu Beginn sicherlich verkürzt dargestellten, Anstrengungen drängen sich hier Fragen auf, weil es beim halbherzigen Versuch blieb.

Eine Online-Befragung mit einer Beteiligung von unter einem Prozent der über Sechzehnjährigen und fünfzehn öffentliche Veranstaltungen mit nur zu geringem Teil Möglichkeiten zur offenen Diskussion und Kommunikation mit zumindest den anwesenden Bürgern, erscheinen hier doch angesichts des Zuvorgesagten etwas wenig, dürftig, uninspiriert, gefährlich - keine sinnvolle, mittragende Basis für ein Stadtentwicklungskonzept.

Möglichkeiten blieben ungenutzt

Gleichzeitig drängt sich die Frage auf, warum gerade in Zeiten einer großen Politikverdrossenheit eine sich aufdrängende Möglichkeit zum näheren Zusammenführen von Wittener Ratspolitik und Verwaltung mit den Bürgern unserer Stadt und damit auch die Möglichkeit den Bürgern einen neuen Bezug zur (Kommunal-)Politik zu geben so hanebüchen ungenutzt blieb.

Fast ließe sich das höchst ironische Bild eines Rates und einer Verwaltung zeichnen, die begreifen, dass zur Lösung der hier vorhandenen Fragestellung, nämlich der Stadtentwicklung, eine starke Einbeziehung der Meinung ihrer Wähler und Bürger zwingend notwendig wäre, sie diese aber selbst mit ihren Anstrengungen angesichts ihres verkrusteten und verfilzten Repräsentantendaseins nicht mehr erfahren, das heißt ihre Wähler und Bürger nicht mehr erreichen, selbst wenn sie es an dieser Stelle wirklich gewollt hätten.

Dies ist insofern geradezu tragisch, weil für ein wirklich zukunftsfähiges, sinnvolles und mitgetragenes Stadtentwicklungskonzept auch die Kommunikation und Diskussion zu diesem Thema innerhalb der Wittener Bevölkerung angeschoben und unterstützt werden müsste. Denn leben müssten mit und in der Entwicklung unserer Stadt Witten vor allem wir Bürger!

Alternative, Unabhängige und Fortschrittliche Wege

Nach dieser doch recht grundsätz­lichen Kritik sollten wir hier natürlich auch unsere eigenen Ideen und Vorstellungen zur Beteiligung bzw. Integration der Bürger in die Stadtentwicklung beschreiben, um unserer Kritik den Gehalt zu geben, den sie verdient.

Beim Erarbeiten dieses Textes ging mir als Verfasser oft der Gedanke durch den Kopf, dass auch ich nicht zu jenen oben erwähnten 781 Wittener Bürgern gehörte, die sich an der Online-Befragung beteiligten. Ganz einfach, weil ich, obwohl kommunalpolitisch aktiv und offensichtlich mit vielen Gedanken zum Thema, nichts von dieser Befragung wusste.

Mir drängt sich die Frage auf, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, jedem Wittener Bürger z.B. einfach einen Brief zu schreiben, um erstens diese Befragung durchzuführen und zweitens uns Bürger für das zu erarbeitende Stadtentwicklungskonzept und den Weg dorthin zu sensibilisieren.

Bei einem solchen Vorgehen wäre auch die Wahrscheinlichkeit, alle Bürger zu erreichen, sicherlich nicht unerheblich höher.

Ein solcher Brief könnte aber nur der Auftakt sein für öffentliche Veranstaltungen in weit größerem und vielschichtigerem Rahmen und immer mit der Möglichkeit zu Diskussionen, das heißt Kommunikation mit uns Bürgern, um so desweiteren der Kommunikation und Diskussion innerhalb der Bevölkerung gerade auch außerhalb dieses organisierten Rahmens Anschub zu geben.

Gerade dieser Kommunikation und Diskussion zwischen uns Bürgern sollte sogar aus zuvor erläuterten Gründen das Hauptaugenmerk all dieser denkbaren Veranstaltungen und eigentlich des gesamten Prozesses der Entwicklung jenes Projektes gelten.

Hierzu wären mannigfaltige Veranstaltungsebenen und -themen denkbar und notwendig, um insbesondere auch Kompromisse zwischen den vorhandenen unterschiedlichen und auch gegensätzlichen Ansprüchen und Wünschen der Bevölkerung zu ermöglichen.

Transparenz und Kompromissfähigkeit

Traurige Realität: der Kornmarkt als fast leerer Parkplatz. Dahinter die untaugliche Luxushaltestelle. Stadtentwicklungs-„Konzept“?
Traurige Realität: der Kornmarkt als fast leerer Parkplatz. Dahinter die untaugliche Luxushaltestelle. Stadtentwicklungs-„Konzept“?

Diese Kompromisse sind nämlich zur Lösung vieler der sich uns stellenden Fragen und Probleme zum Thema Unsere Stadt unerlässlich, könnten aber nur so mit größtmöglicher Basis geschlossen und von uns Bürgern mitgetragen werden.

Zu schließen sind sie aber direkt zwischen uns Bürgern und nicht zwischen den Bürgern und ihren Ratsmehrheiten bzw. ihrer Verwaltung.

Wie schon zuvor gesagt, ist ein Leitbild bzw. eine Idee für unsere Stadtentwicklung an sich richtig und definitiv auch notwendig, sinnvoll und zukunftsfähig wird es/sie aber nur wenn es/sie die Meinung einer größtmöglichen Mehrheit der Wittener Bürger repräsentiert.

Im Rahmen des hier gesagten soll zum Abschluss noch einmal auf die wohl aus dem hier Geschriebenen ersichtliche große Verantwortung verwiesen werden, die gerade auch wir Wittener Bürger in der Entwicklung unserer Stadt tragen.

In diesem Sinne möchten wir unsere heutige kritische Analyse des Stadtentwicklungskonzeptes „Unser Witten 2020“ mit dem Motto von AUF Witten Um uns selbst müssen wir uns selber kümmern schließen und auf die nächste Ausgabe von Witten im Aufbruch verweisen.

2017  AUF Witten - Um uns selbst müssen wir uns selber kümmern