Envio und HP Pelzer Chemie: Giftskandale haben System

Peter Spyrka, ehemaliger Chemiearbeiter bei Pelzer
Peter Spyrka, ehemaliger Chemiearbeiter bei Pelzer

Interview mit Peter Spyrka, ehemals Chemiearbeiter bei Pelzer

Die vorsätzliche Vergiftung der Envio-Arbeiter in Dortmund mit PCB erfüllt uns mit Entsetzen und Mitgefühl. „Wir wurden verarscht“, „Ich habe in PCB-Dreck gebadet“, „Wir hatten Angst vor Arbeitslosigkeit“ – sagen die Arbeiter. PCB, ein krebsauslösendes Gift, wurde in Konzentrationen des 8.500-fachen der zulässigen Belastung im Blut von Envio-Arbeitern gefunden.

Besonders betroffen macht ein Bericht der Westfälischen Rundschau vom 7.8.10 „Das Gift schlummerte im Schlafanzug“. Der Vater eines Dreijährigen hat es mit nach Hause gebracht. Seine private Arbeitskleidung musste zu Hause gewaschen werden. Wir befragten dazu Peter Spyrka, der seit Jahren um eine Entschädigung seiner Vergiftung bei der Firma HP Pelzer Chemie kämpft. 38 seiner früheren Arbeitskollegen sind bereits daran gestorben. Näheres unter

? Wie war der Schutz bei Pelzer?

Peter Spyrka (P.S.:) Wir haben auch in Gift gebadet. Z.B. Zyklon B, früher für Vergasungen eingesetzt. Ich habe das Zyanid von der Hallendecke gekratzt und analysieren lassen. Ich habe die typischen Symptome einer Nervenergiftung. Uns wurde gesagt, wir brauchen keinen Schutz, Klamotten waschen zu Hause!

? Und die Aufsichtsbehörden?

P.S.: Verarschung ist das richtige Wort. Bei mir hat die Berufsgenossenschaft entgegen den Gesetzen keine ursächlichen Ermittlungen aufgenommen, obwohl ich alles ordentlich angezeigt hatte. Hinterher ist es schwer, Beweise vorzulegen. Die BG bekommt vor Gericht immer Recht, obwohl sie gegen ihre Pflichten verstoßen hat. Alle wussten Bescheid: Betriebsarzt, Betriebsrat, Gewerkschaft.

PCB ist ein krebsauslösendes, und damit tödliches Gift. Bild von: CFalk-pixelio.de
PCB ist ein krebsauslösendes, und damit tödliches Gift. Bild von: CFalk-pixelio.de

? So ähnlich wie bei dem Dreijährigen?

P.S.: Landesumweltamt und Gesundheitsamt haben da doch erst reagiert, als sich die Presse eingeschaltet hat, sonst wäre der Junge nie untersucht worden. Hätte man solange gewartet wie bei mir, findet man im Blut nichts mehr – die Zeitbombe tickt trotzdem, meine Kollegen von damals sterben auf Raten.

? Und die  Presse?

P.S.: Selbstverständlich habe ich alle informiert. Sogar der WDR war da, hat alle Beweise und Unterlagen bekommen und selbst recherchiert. Es gab Eingaben beim Europaparlament, beim Bundestag sowie Anfragen bei der Stadt durch AUF Witten.

? Was ist daraus geworden?

P.S.: Der WDR-Redakteur rief bei mir an, für die Sendung würde das Geld nicht mehr bewilligt. Der Petitionsausschuss hat, ohne selbst zu ermitteln, die Sache nur aufgrund von Stellungnahmen der von mir Angeschuldigten eingestellt. Ebenso die Staatanwaltschaft. Gewerkschaft und Betriebsrat haben mich im Stich gelassen und agieren sogar gegen mich. Die Stadt Witten teilte wie alle anderen Umweltbehörden mit, eine Gefährdung durch Pelzer bestünde nicht.

? Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus?

P.S.: Es geht nicht um einzelne Firmen, sondern um ein ganzes System. Wer sich wehrt, wird sogar schikaniert.

Wenn es um eine Produktion von Fahrzeugdämmung geht wie bei Pelzer, die in alle PKW, auch Luxuskarossen, eingebaut wird, dann steht der Profit einiger Milliardäre höher als die Gesundheit von vielen Millionen. Da kuschen auch die Medien.

Soll das Demokratie sein, wenn Menschen vergiftet werden mit Zyklon B, mit Dioxin oder PCB, ohne dass die Gewerkschaft, Arbeitsmedizin, Politik, Staat und Justiz von sich aus tätig werden und das abstellen?

Was für ein Regierungssystem soll das sein? Mir wird jegliche Entschädigung verweigert, meine völlige Arbeitsunfähigkeit wird nicht anerkannt, ich falle durch alle Maschen des sogenannten sozialen Netzes. Ohne meine Frau würde ich einfach verhungern, obwohl ich Jahrzehnte in alle Kassen eingezahlt habe. Das ist für mich der reinste Terror.

Es gibt viele Arten zu töten.
Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen,
einem das Brot entziehen,
einen von einer Krankheit nicht heilen,
einen in eine schlechte Wohnung stecken,
einen durch Arbeit zu Tode schinden,
einen zum Suizid treiben,
einen in den Krieg führen usw.
Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.

Bertolt Brecht (Me-Ti. Buch der Wen-dungen)

Dabei bin ich nicht der einzige. Tausende Vergiftungsopfer warten auf Entschädigung, weil man vor Gericht die Schäden so nachweisen muss wie bei einem Verkehrsunfall. Bei Vergiftungen kommen die Symptome aber später, wenn die Gifte schon längst abgebaut sind - toxikologische Gutachter, die so etwas beurteilen können, werden von den Gerichten aber nicht bestellt.

Trotzdem lasse ich mich nicht unterkriegen. Wer die Leute so vergiftet oder tatenlos dabei zusieht, muss sich auch nachsagen lassen, dass wir in einer Diktatur leben, wo der Profit über die Menschlichkeit regiert.

 
2017  AUF Witten - Um uns selbst müssen wir uns selber kümmern