Dienstag, 22. Mai 2012

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Das stinkt doch zum Himmel...

Degussa/Sasol
Samstag, den 03. November 2007

altUnter diesem Titel brachte Radio en am 8.10. mehrere Sendungen, darunter auch Interviews mit zwei Mitgliedern der Bürgerinitiative "Koordination wegen Sasol/Degussa-Gefahren". Witten im AUFbruch befragte telefonisch Herrn Lothar Grimm, einen der Interviewten.

Vorwürfe nicht haltbar?

? "Der Leiter der Degussa hält die Vorwürfe der Initiative für nicht haltbar, hinsichtlich der Geruchsminderung habe sich nachweislich etwas getan und Grenzwerte würden eben auch eingehalten.", so die Radio en-Reporterin Katja Sassenscheid über ihre Recherche bei Degussa.

Lothar Grimm: Wer sich zur Zeit den nächtlichen Himmel über Degussa anschaut, wird feststellen müssen, dass von den späten Abendstunden bis in den frühen Morgen der Sondermüll in alle Kanäle entlassen wird. Getan hat sich hier rein gar nichts. Im Gegenteil, offenbar haben die Verantwortlichen die erneute Einstellung unserer Strafanzeige gegen Degussa als Freibrief genommen. Gefühlsmäßig liegt die Grenzwertüberschreitung bei 70 Prozent. Die firmeneigenen Unterlagen über diese "Schweinerei" werden aber nicht geprüft.

Was sich "getan" hat

? Dr. Alfred Schmidt-Steffen (Degussa Werkleiter Witten) sagte im Radio folgendes: "Wir haben hier im Bereich unserer Abwasseraufbereitung Maßnahmen ergriffen, Systeme verschlossen, die vorher nur teil verschlossen betrieben wurden, wir haben Abgasführung geändert, das ist eine Vielzahl von Maßnahmen, die sich eben aufgrund des Kostenvolumens was dahinter steht, über diese 3 Jahre erstreckt."Luft anhalten oder doch lieber maskieren? Oder am besten gleich wegziehen...

Lothar Grimm: "Vielzahl von Maßnahmen" ist eine reine Behauptung. Allerdings werden seit letztem Sommer von der ESW im Umfeld von Degussa alle Gullis gasdicht erneuert. Nicht, weil die Auswechselung schon notwendig ist. Höchstwahrscheinlich, um die Entsorgung über die Kanalisation
zu vertuschen. Ich habe 1937 selbst erlebt, wie es zu einer unterirdischen Verpuffung aufgrund einer solchen Entsorgung gekommen ist. Von der damaligen Münzstraße bis zu den Zwölf Aposteln flogen die Gulli-Deckel in die Luft, Häuserdächer wurden abgedeckt.

Bei der Gelegenheit möchte ich betonen, dass weder die Verantwortlichen der Degussa noch die Staatsanwaltschaft in beiden Strafanzeigeverfahren auf die bestehende Verbrennungsanlage von Degussa eingegangen sind.

Verbrennungsanlage heimlich stillgelegt?

? Was ist das für eine Anlage?

Lothar Grimm: Die Produktionsgenehmigung von 1966 wurde an den Betrieb einer Anlage geknüpft, wonach entstehende Emissionen unschädlich und geruchsneutral gemacht werden können. Das gilt auch heute noch. 1982/83 besuchte mich der damalige Betriebsleiter des Vorgängerwerks Dynamit-Nobel, Herr Dr. Osteroth über vier Stunden in meiner Wohnung. Er betonte am Schluss: "In dieser Gegend möchte ich nicht wohnen" und stellte fest: "Was ich heute morgen an Geruchsbelästigungen hier zur Kenntnis genommen habe, ist reine Willkür."

Von seinem Besuch an bis zu seiner Pensionierung war denn auch keine Beschwerde mehr nötig. Auch das hat die Staatsanwaltschaft völlig ignoriert.

? Warum wird diese Anlage ignoriert und offensichtlich ausgeschaltet?alt

Lothar Grimm: Anscheinend rechnet sich die Anlage nicht mit den Kosten für Wasser, Strom und Gasverbrauch, ein anderer Grund ist schwer vorstellbar. Dabei wirft die Firma stolze Gewinne ab. Bei einer Betriebsversammlung sprach der Vorgänger des jetzigen Betriebsleiters nach einem Bericht der
WR von einem "nicht unerheblichen Gewinn von (damals noch) 30 bis 40 Millionen DM". Gleich am nächsten Morgen stellte ich ihn telefonisch zur Rede, davon gehörten 20 Millionen der Wittener Bevölkerung, deren Gesundheit ja in unverantwortlicher Weise geschädigt wird.

Gesundheitsgefahren

? Laut Umweltamt, Kreis und Stadt sei der Gestank nicht gesundheitsschädlich.

Lothar Grimm: Dieses "Argument" ist der Hauptgrund für die Staatanwaltschaft, die Ermittlungen einzustellen. Die Tatsachen sind jedoch andere. Es gibt z.B. Atteste von drei Kindern, die mit Gesundheitsstörungen auf den Gestank reagierten mit zeitweiliger Schulunfähigkeit. Ich selbst habe mich einer Untersuchung im Berufsgenossenschaftlichen Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin (Institut der Ruhruniversität Bochum) unterzogen:

Diagnose: Unverträglichkeit von Emissionen der chemischen Industrie.
Beurteilung: "Geruchsbelästigungen durch die Chemieunternehmen im Umfeld des Wohnorts des Patienten sind mir bekannt. Ich habe Herrn G. geraten, die rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, bei Versagen letzterer einen Wohnungswechsel anzustreben." Jeder weitere Kommentar überflüssig!

? Die Initiative gibt also nicht klein bei?

Lothar Grimm: Auf gar keinen Fall! Bei uns kann und sollte jeder mitmachen!